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CCC WALL CASALGRANDE CERAMIC CLOUD

21. September 2010

Ein großer Träumer ordnet sich den im Inneren einer magischen Substanz verborgenen Träumen unter; (…) er hört den Geheimnissen, die ihm von der Materie anvertraut werden, aufmerksam zu

(Gaston Bachelard, Il diritto di sognare, Dedalo, Bari, 1975, S.51)

Zeitlich zusammenfallend mit dem fünfzigjährigen Jahrestag der Gründung der Firma Casalgrande Padana wird im Keramik-Revier um Sassuolo-Casalgrande in Kürze das erste italienische Werk des japanischen Künstlers Kengo Kuma eingeweiht. Aufgrund seines ethisch-sozialen Engagements hat sich Casalgrande Padana entschlossen, der Stadt ein architektonisches Werk zu schenken, dessen Wert weit über das eigentliche Kunstwerk hinausgeht.

Das Werk, das als ein regelrechtes land mark und als Pforte des Keramik-Reviers bezeichnet werden kann, ist das Ergebnis einer Vereinbarung zwischen Casalgrande Padana, die die finanzielle Last diese Initiative getragen hat, und der Stadtverwaltung. Zur Realisierung dieses Werks griff die Firma die Pläne von Professor Alfonso Acocella und des Verfassers dieses Artikels auf, die an einem umfassenden Forschungsprojekt über Keramikmaterialien arbeiteten, das Casalgrande der Fakultät für Architektur an den Universitäten Ferrara und Siracusa zugeteilt hatte. All dies floss in die Zusammenarbeit zwischen Casalgrande und dem Meister Kengo Kuma ein.

CCC-Wallist ein Werk, dessen Wert sich nicht auf seine durchaus bemerkenswerten intrinsischen Qualitäten beschränkt, sondern sich auch in den Auswirkungen niederschlägt, die es für die Forschung sowie die Beziehungen zwischen Projektdidaktik und Berufsausbildung haben wird.

Die Entscheidung für einen multidisziplinären Ansatz und dessen praktische Überprüfung an einem echten Fall hat dazu geführt, dass man von einer ausschließlichen Lösung technisch-konstruktiver Probleme zu einem weiter gefassten Beziehungssystem überging, welches die experimentelle Forschung, neue Materialien und Konstruktionssysteme, innovative Projektdidaktik-Formen, die Beziehungen zwischen Produktion und universitärer Forschung und den Dialog zwischen betrieblichem Know-how und Projekt berührt. Die Erforschung der "Materie" wurde bei diesem Projekt verfeinert durch die "Vision" eines der interessantesten zeitgenössischen Architekten , dessen Sensibilität für das Wesen der Materialien und die Umwelt ein Wunderwerk hervorgebracht hat: die Architektur verschwindet als Objekt, um in einem  empathischen Dialog mit der Umwelt zu neuem Leben zu erwachen. Bei der Gestaltung dieser komplizierten Beziehungen baut Kuma seinen persönlichen Dialog mit der Keramik auf der japanischen Tradition auf: die technische Vorrichtung, die Spuren, die der Produktionsprozess in der Materie hinterlässt, die intrinsische Natur der Materie und ihre archaische Natur werden hier zum ästhetischen Wert erhoben.

Die keramische Materie ist eine "absolute Substanz", keine Ergänzung; sie besitzt nicht nur eine physische Beschaffenheit, da sie im Raum und in der Zeit lebt, sondern sie besitzt auch einen Gedanken, sie ist denkend; sie wirkt auf uns, ist Quelle eines poetischen Universums, dessen Geheimnissen Kuma lauscht. Die Vorstellungskraft, die Fähigkeit, über die Materie und deren Möglichkeiten hinaus zu sehen, ist für Kuma jedoch keine willkürliche Handlung, sondern eine strukturierte Handlung, für welche die absolute Kenntnis des Materials und der Produktionsprozesse erforderlich ist. Die Tiefe des Gedankens setzt die Fähigkeit zur Beherrschung der Materie voraus und auf der Befolgung dieses Prinzips basiert die Kraft der Verbindung zwischen einem großen Keramikhersteller und Kuma.

Das Material als Erzeuger von Formen, die Geometrie im Naturalismus, das sind einige der Themen, mit denen Kuma beim Betrachter der CCC_wall das Gefühl von Verblüffung, Aufhebung der Zeit, mehrdeutiger Wahrnehmung und Auflösung der Materie hervorruft. Die Beziehung zwischen Subjekt und Anti-Objekt ist nicht mehr eindeutig, sondern vielfach. Kuma kehrt die Blickrichtung um, konzipiert den architektonischen Raum wie eine Maschine zum Einrahmen von Landschaftsausschnitten, stellt unserer Wahrnehmungsform auf den Kopf und macht die Gesamtheit, die wir als "Ort" bezeichnen offenkundig.

Die Masse löst sich auf, zerfällt, die Materie wird mit Bedeutungen aufgeladen, die in die Konstruktion der Formen eingehen. Kuma zerschneidet, verbindet, biegt, repliziert unzählige Male ein Prinzip, das zum Raumerzeugungselement wird. Die Einheit wird durch Wiederholung erzeugt; zwischen dem Teil und der Gesamtheit besteht eine notwendige Beziehung. Der Erbauer wird zum Erzähler, wobei das Gespräch aus der Polarität, aus den Gegensatzpaaren Licht/Schatten, undurchsichtig/durchsichtig, massiv/leicht, durchgängig/unterbrochen, Wiederholung/Variation, hoch/tief genährt wird. Kuma löscht die Architektur als Objekt aus, um sie uns als Substanz zu vermitteln, eine Substanz, die wir jedoch niemals vollkommen zu besitzen im Stande sind. Die Materie, die sich uns zeigt, ist so wie sie ist und zugleich auch anders. Bei diesem Aufhebungsmechanismus klingt die Bedeutung des Werks dank Übereinstimmung und Empathie in uns nach, wird verstärkt und erweitert den Raum, von welchem es aufgenommen wird. Die technisch-konstruktive Vorrichtung ist ein Spiegel, der die Qualität des Ortes erhöht, diesen Ort in unserem Inneren zum Klingen bringt und Resonanz erzeugt.

Die Suche nach einer "harmonischen Verbindung" mit dem Ort wirkte sich auch auf den Dialog zwischen Materie und Licht in seiner zweifachen Bedeutung als natürliches und als künstliches Element aus. Bei dem Projekt CCC_Wall tritt das Licht in einen Dialog mit dem Werk, wobei ein dynamisches Schattensystem entsteht, das die " baulichen Vituositäten" dank des eingesetzten Keramikwerkstoffes verstärkt. In diesem Werk erreicht die Keramik eine überraschende Ausdrucksintensität, was umso verblüffender ist, da Standard-Keramikelemente, genauer gesagt, Steinzeugplatten in der Größe 1200x600x14 mm, verwendet wurden.

Die Innovation steckt nicht im Material oder in dessen konsolidierten Leistungsniveaus, sondern in der ungewöhnlichen Verwendungslogik. Kuma erfindet das Material neu, gibt ihm neues Leben, befreit es von der „Sklaverei" der bloßen Oberflächenverkleidung, der Funktion einer abschließenden Schicht in Form einer Außenhaut. Die sich gegenseitig haltenden Steinzeugplatten zeigen sich in ihrer ganzen essenziellen Schönheit, in einer nachvollziehbaren Ordnung, einer strengen Geometrie, die das strukturelle Prinzip zu Tage treten lässt, dessen intrinsische Mechanismen nichtsdestotrotz verborgen bleiben. Die Teile und die Gesamtheit treten in eine enge Verbindung, beziehen ihren Sinn ausschließlich aus der gegenseitigen Bezugnahme. Dieses Werk war eine lange, komplexe Herausforderung, das die hierfür aufgebrachten Anstrengungen und Energien lohnte. Die bekannten, üblichen, vertrauten Wege zu gehen, wäre bequem, aber weniger spannend gewesen. Casalgrande hat die Herausforderung angenommen. Eine Herausforderung, bei der die Universität als Vermittlungsstelle und Interpretin zwischen Projekt und Produktion fungierte, befreit von ihrer traditionellen Rolle, bei der sie angeblich immer nur auf sich selbst bezogene Forschung betreibt und sich nur selten den Herausforderungen der Praxis stellt. Dieses Werk hier ist hingegen der lebende Beweis für die Gültigkeit einer anderen Verfahrensweise: eine Verfahrensweise, die es auf der Ebene der Didaktik und der Ausbildung möglich gemacht hat, den Blick auf ein Projekt zu richten, bei dem Erfahrungen mit den praktischen Problemen der Berufstätigkeit gemacht werden konnten: Auflagen, Budget, Ausführungsmodalitäten und -Zeiten für die Erstellung des Werks. Innerhalb dieses Prozesses meine ich, zusammen mit Alfonso Acocella und Franco Manfredini, dem Präsidenten der Firma Casalgrande, das Verdienst zu haben, die Möglichkeiten einer Konvergenz zwischen zwei Welten (Ausbildung, Produktion, Beruf) erkannt zu haben, die sich im Dialog gegenseitig befruchtet haben. Casalgrande gebührt das Verdienst, eine sozial und ethisch lobenswerte Rolle übernommen zu haben: die Promotion eines Betriebs und eines ausgezeichneten Produkts wurde auch als Gelegenheit wahrgenommen, um die Qualität eines in Wandlung begriffenen Ortes zu verbessern und der Stadt ein zeitgenössisches Kunstwerk von hohem Wert zu schenken; gleichzeitig wurde aber auch Studenten die Möglichkeit gegeben, an ein architektonisches Projekt und die damit verbundenen Technologien herangeführt zu werden. Dank Casalgrande hat sich für viele Studenten ein Traum erfüllt: am Entstehungsprozess von Architektur beteiligt zu sein und die dabei eingesetzten Instrumente zu sehen, zu beobachten und zu verstehen. Wir sind dabei von innen nach außen vorgegangen, haben den üblichen didaktischen Ansatz, bei dem das Projekt als Ex-post-Erfahrung vermittelt wird, umgekehrt. Während des Entstehungsprozesses boten das Projekt und die Baustelle Gelegenheit zur didaktischen Vertiefung, da sie eine Betrachtung „des Phänomens“ von allen Gesichtspunkten aus ermöglichten: von dem des Auftraggebers, des Planers, des Statikers usw. bis hin zur Klärung der Grundlagen dieses ausgewogenen Kompromisses, des Gleichgewichts und der Konvergenz der stets vorhandenen unterschiedlichen Standpunkte.

Hierbei gelangte ein typisch angelsächsisches Management-Modell zur Anwendung, bei dem der Auftraggeber kein passives Subjekt, sondern Mitspieler und Ko-Protagonist ist, wobei auf komplexe kognitive und unternehmensverwalterische Instrumente zurückgegriffen wurde. Dank der von der Universität übernommenen Rolle des Vermittlers und Verbindungsglieds war es möglich, den Unterlagen- und Entscheidungsfluss auf einvernehmlich festgelegte Ziele zu richten. Diese Ziele wurden in einer Absichtserklärung präzisiert, die im Beisein von Kuma auf kollegialer Basis mehrmals diskutiert wurde. Als das Projekt sich noch in seiner Anfangsphase befand, zeichneten sich für uns bereits dessen Möglichkeiten ab, die in den darauf folgenden Phasen des schematic design und insbesondere beim design development geprüft wurden. Dies war die spannendste Phase, die eben deshalb verlängert wurde, um verschiedene innovative Lösungen auszuprobieren und die Übernahme von vorgegebenen, konsolidierten, üblichen Lösungen zu vermeiden.

Die Bemerkungen von Kuma zeigten uns bei jeder neuen Begegnung anregende Möglichkeiten auf. Dies setzte seitens des Teams die Fähigkeit zum Zuhören und zur Interpretation sowie Umsicht, Geduld, Sorgfalt und Ressourcen voraus. Zahlreiche Modelle im Maßstab 1:1 wurden in Casalgrande Padana erstellt, um Lösungen für die Knotenpunkte, Farbgestaltung der Elemente, Beleuchtungssysteme usw. zu erproben. Dies war der Lösungsweg, der von uns gewählt wurde: auf der einen Seite ausgefeilteste instrumentelle Prüfsysteme, bei denen eine japanische und eine italienische Expertengruppe beteiligt war, die über die Entfernung hinweg ständig miteinander kommunizierte; auf der anderen Seite die konstante Beteiligung von Handwerkern und Fachleuten der Firma Casalgrande bei der Realisierung der Prototypen. An diesem Austauschprozess waren alle im Sinne eines Gebens und Nehmens neuer Kenntnisse beteiligt. Das industrielle Know-how wurde in das Projekt aufgenommen, wo es die getroffenen Entscheidungen aktiv beeinflusste. Die handwerklichen Fertigkeiten wurden verfeinert. Die Ergebnisse bestätigen die Richtigkeit dieser Intuition und die operativen Fähigkeiten bestimmter akademischer Forschungsbereiche. Den wichtigsten Beitrag jedoch leisteten die beteiligten Personen mit ihrem Charakter und ihren Fähigkeiten und ihrem Erfahrungsschatz, der auch dazu beigetragen hat, Vereinfachungen zu vermeiden, auf die man in schwierigen Momenten unvermeidlich zurückzugreifen tendiert.

All denen, deren Einsatz und Großzügigkeit es gestattet haben, einen größeren Schritt zu wagen und dieses Ziel zu erreichen, verdanken wir das Geschenk dieses Freien Raumes.

Luigi Alini

Anmerkungen
1 Der Grund für die Umkehrung der Perspektive liegt in der Überzeugung, dass: «Architektur, die von außen betrachtet wird, als Objekt erscheint; die von der Umgebung getrennte und aus einem gewissen Abstand betrachtete Materie erscheint unvermeidlich als Objekt (…). Wenn eine Sache eingerahmt und betrachtet wird, erscheint unbestreitbar ein Objekt, unabhängig davon, wie ungeordnet der Aufbau oder wie transparent das Material ist; dies ist darauf zurückzuführen, dass der Rahmen eine Distanz zwischen dem Subjekt und dem Objekt schafft und das durch den Rahmen ausgewählte und spezifizierte Objekt darüber hinaus von seinem Kontext trennt » (Kengo Kuma, Giardinaggio, versus architettura, in Luigi Alini, Kengo Kuma. Opere e progetti, Electa, Mailand, 2005).

 
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